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Interview mit Professor Martin Killias
in der Zürcher Wochenzeitung P.S. vom 23. Mai 02

Erfurt: Menetekel für den
privaten Waffenbesitz?

Erfurt, Nanterre, Zug – nach jeder besonders schrecklichen Gewalttat wird der Ruf nach verschärfter Waffenkontrolle laut. Die Forderung verschwindet aber schnell am stereotypen Einwand, der gewaltbereite Mensch hinter der Waffe sei das Problem und nicht das Werkzeug, dessen er sich bediene. Der Lausanner Strafrechtsprofessor und Kriminologe Martin Killias kritisiert diese lockere Haltung seit längerem und erläutert im Gespräch mit Peter Weishaupt, warum dies nicht (mehr) stimmt und was bei der anstehenden Revision des Waffengesetzes endlich verboten gehört.


Bild Martin Killias
P.S. Herr Professor Killias, Ihre Kollegin Heidi Affolter, Strafrechts-Lehrbeauftragte an der Uni Zürich, forderte nach der Bluttat von Erfurt in der ‘Weltwoche’, jetzt zu denken und nicht nach verschärften Waffengesetzen zu schreien. Ein zu allem entschlossener Mensch lasse sich durch nichts aufhalten. Sind diese und andere Standardeinwände gegen eine strengere Waffenkontrolle – der Täter ein Spinner, die Tat ein Einzelfall, das Tatwerkzeug ein Missbrauch – nach Zug, Nanterre, Erfurt und anderen, weniger bekannten Amokläufen und Massakern, noch aufrecht zu halten?

Martin Killias: Wir müssen erkennen, dass sich das Bedrohungspotenzial in den letzten 50 Jahren enorm verändert hat. Früher hatten z.B. die Schweizer Wehrmänner ein Langgewehr bei sich zu Hause und später einen Karabiner; Gewehre, mit denen man unmöglich ein Massaker anrichten konnte, weil man längst überwältigt gewesen wäre, bevor man nachgeladen hätte. Bei den modernen automatischen Waffen ist das ganz anders; ich habe schon 1995 in einem Departements-Rapport von Bundesrat Koller ausgeführt, dass mit dem Übergang vom Sturmgewehr 57 zum Sturmgewehr 90, das ab 1991/92 an die Truppe abgegeben wurde, ein gefährlicher Quantensprung geschaffen wurde. Indem man den Soldaten dieses überaus effiziente Sturmgewehr 90 samt Munition nach Hause mitgibt, nimmt man künftig ein enormes Gefahrenpotenzial in Kauf.

Beim Attentat Leibachers auf das Zuger Parlament im letzten Herbst haben sich viele Leute gewundert (und einige waren auch erleichtert), dass dieser die ‘zivile’, auf Einzelfeuer getrimmte Version des Sturmgewehres und nicht die auf Serienfeuer des militärischen verwendet hat. Wäre Leibacher jedoch ein Militärangehöriger gewesen und hätte er das Sturmgewehr 90 genommen, dann wären in diesem Parlamentssaal, in dem 60 Leute anwesend waren, 40 Menschen erschossen worden und nicht 14. So geschah es ja in Nanterre, es gab hier im Verhältnis zu Zug viel mehr Opfer, von den etwa 40 im Parlamentssaal von Nanterre Anwesenden wurden 30 getroffen. Man sieht hier, wie viel gefährlicher sich automatische Waffen auswirken.

In Erfurt genügte dem Täter Robert Steinhäuser zwar eine Einzelschusswaffe für sein Massaker, aber das funktionierte nur deshalb, weil er nicht während der Pause wild auf alle seine Mitschüler schoss, sondern während der Schulstunden in die Klassenzimmer stürzte und je eine Person, nämlich den Lehrer oder die Lehrerin, gezielt erschossen hat. Zudem hatte er die mitgeführte Pump-Gun nur deshalb nicht eingesetzt, weil sie eine Ladehemmung hatte. Das Hauptproblem bei den heute so vielfach vorhandenen automatischen Waffen liegt darin, dass man mit ihnen sehr viele Leute innert kurzer Zeit töten kann, sie sind zu eigentlichen ‘privaten’ Massenvernichtungsmitteln geworden.

P.S. Die Ausweitung des Angebots an immer wirkungsvolleren Tötungswaffen, die bequeme Verfügbarkeit von Sturmgewehren im häuslichen Alltag und die problemlose Beschaffung von Pistolen und Munition über den Waffenhandel hat also eine mitursächliche Wirkung für diese modernen Gewaltkatastrophen, mehr Gelegenheit macht auch mehr Diebe?

Killias: Ein Problem menschlichen Verhaltens ganz allgemein, besonders bei solch schrecklichen Taten, besteht darin, dass man immer die ganz grossen Ursachen suchen, ganz tief in die Menschen, die diese Verbrechen begangen haben, hineinsehen will. Menschliches Fehlverhalten hat jedoch häufig überaus banale Ursachen, dazu gehören vereinfachte Gelegenheiten, ungeschoren davon oder wirkungsvoll ans Ziel zu kommen. Der einfache Zugang zu immer ausgefeilteren schweren Waffen und reichlicher Munition schaffen selbstverständlich enorme Gelegenheitsfaktoren.

Die menschlichen Entscheidungen und Motivationen sind sehr stark von entsprechenden Gelegenheiten abhängig. Der Erfurter Schüler muss sich monatelang mit diesem Projekt beschäftigt haben, da haben die Gewalt-Videos eine Rolle gespielt, aber natürlich auch die Tatsache, dass er diese Waffen und diese Unmengen Munition ganz legal als Angehöriger von Schützenvereinen beschaffen konnte. Hätte er das nicht so einfach gehabt, davon bin ich überzeugt, dann wäre seine Phantasie nie auf diese Ebene abgeglitten.

P.S. Schützenvereine und Waffensammler gab es früher schon und häufig genug, am extremsten in der Schweiz, wo jeder Wehrmann auch noch die Waffe nach Hause nehmen kann. Wie hat sich darüber hinaus der private Waffenbesitz in den letzten Jahrzehnten verändert?

Killias: Wie sich der Waffenbesitz über die letzten Jahrzehnte effektiv entwickelt hat, darüber hat man leider keine Daten. Früher war die Gesellschaft wahrscheinlich doch etwas geschlossener und der Waffenbesitz auch sehr stark mit dem Militär verknüpft. Daneben gab es natürlich auch den Waffenbesitz als Hobby wie bei den Jägern oder für Sicherheitsdienste, die zweifellos gewachsen sind. Aber es gab früher viel weniger Leute, die ‘zu ihrem eigenen Schutz’ eine Waffe tragen durften oder dies taten, das gab es früher praktisch nicht.

Dazu kommt ein anderer Punkt, der mich schon nachdenklicher macht. Wir haben bei einer Befragung vor ein paar Jahren festgestellt, dass psychische Störungen unter privaten Waffenbesitzern sehr viel häufiger auftreten. Man kann zwar nicht sagen, dass die Waffenbesitzer besonders gestört wären, aber unter den gestörten Menschen gibt es eindeutig sehr viele Waffenbesitzer. Irgendwie üben Waffen auf gefährdete Menschen eine grosse Faszination aus, die Drohung mit und Anwendung einer Waffe ist eine Machtausübung, sie macht den letzten Knirps wichtig.

P.S. Amokläufe in der Öffentlichkeit wie in Zug oder Erfurt sind (noch) nicht alltägliche Ereignisse, sie könnten etwas darüber hinwegtäuschen, dass sich die meiste Gewalt im privaten Raum abspielt.

Killias: Die Waffen, nicht nur die Sturmgewehre, werden ja zu Hause aufbewahrt, dort, wo auch die meisten privaten Konflikte stattfinden. Darum korreliert der private Waffenbesitz übrigens extrem stark mit dem Suizid, den macht mann vorwiegend daheim und daher oft mit der Waffe. In einer Studie habe ich anhand einer Langzeitkurve über Selbstmorde und Morde festgestellt, dass der Anteil solcher Taten, die mit Schusswaffen durchgeführt wurden, sich seit den frühen 70er-Jahren ungefähr verdoppelt hat.

Das Argument bei Konflikten im privaten Raum ist ja immer, wenn ein entschlossener Mensch das Tatwerkzeug nicht zur Hand habe, dann beschaffe er sich das eben schwarz oder sonstwie. Doch so sind die Menschen eben gerade nicht. Selbstmorde, auch die meisten Morde, passieren aus einer momentanen Krise heraus, sind meist Kurzschlusshandlungen. Über die Feiertage wie z.B. Pfingsten kommen diese vermehrt vor, am Dienstag danach ist meist die Wut verraucht, die Luft draussen. Es gäbe eindeutig weniger erfolgreiche Suizide und Morde an Partnerinnen, lägen Waffen nicht greifbar zu Hause herum und stünden in Konfliktsituation nicht so einfach zur Verfügung. Ich glaube einfach nicht, dass es mit der aktiven Planung von Gewalttaten bei Menschen so weit her ist.

P.S. Es gäbe also zweifellos weniger tödlich verlaufende Kurzschlusshandlungen, hätte man das Tatwerkzeug nicht handlich zu Hause zur Verfügung. Dies trifft nicht in noch grösserem Ausmasse für die Gewalt von Männern gegen Frauen in Ehe und Partnerschaft zu?

Killias: Der Punkt ist, dass Frauen typischerweise zu Hause ermordet werden, Männer jedoch relativ oft in anderen Kontexten, in einer Wirtschaft, im öffentlichen Raum, am Arbeitsplatz. Frauen dagegen werden praktisch immer zu Hause verletzt oder umgebracht, darum ist das Problem mit den zu Hause aufbewahrten und griffbereiten Waffen für Frauen besonders relevant. Dies spielt auch eine Rolle bei der Gewaltdrohung im häuslichen Rahmen; wenn Männer eben ausrasten, ist es nicht so selten, dass sie dann schnell einmal drohen, jetzt hole ich das Gewehr, es zu laden beginnen oder sonstwie damit drohen. Auch wenn sie dann nicht jedes Mal ihre Partnerin oder sich umbringen, sind dies sehr unangenehme Drohungen. Waffen sind in dem Sinne vor allem relevant für die Unsicherheit im privaten Raum, zu Hause, im familiären Umfeld.

P.S. Kaum ein Jahr nach Inkrafttreten der letzten Revision des eidgenössischen Waffengesetzes ist derzeit eine neue in Vorbereitung. Klarere Einschränkungen sind aufgrund des gut organisierten Widerstandes der Waffen- und Schützenlobby dieses Landes kaum zu erwarten. Was müsste Ihrer meiner Meinung nach jetzt getan, wo müssen die politischen Akzente gesetzt werden?

Killias: Zuerst einmal müssen die ganz gefährlichen Waffen, also alle automatischen Gewehre und die Pump-Guns, klar verboten werden, auch deren Besitz, nicht nur der Handel. Mein Vorschlag wäre, dass der Staat die vorhandenen Waffen regelmässig zu einem angemessenen Preis zurückkauft und sie dann verschrottet. Solche Rückkaufsaktionen kosten kein Riesengeld, wenn man denkt, dass ein Mord ein bis zwei Millionen Franken an Folgekosten verursacht. Sämtliche Waffen, für die es keine legitime Verwendungsmöglichkeit gibt wie etwa für die Jagd, dürften nicht mehr zugelassen werden.

Ein weiteres Postulat ist ein Verbot der Waffen-Transaktion unter Privaten. Heute ist der Waffenhandel bei den Händlern viel stärker kontrolliert als derjenige unter Privaten, wo es praktisch keine Kontrolle gibt. Das ist ein grosser Mangel, man müsste unbedingt darauf hinwirken, dass Geschäfte zwischen Privatpersonen über einen Waffenhändler abgewickelt werden. Man kann Medikamente ja auch nicht privat verkaufen. Dies würde auch das Waffenhandelsgewerbe – in einem positiven Sinne – etwas aufwerten. Bei den Händlern habe ich weniger Zweifel als bei den privaten Geschäften, weil dort nichts kontrolliert wird.

Wer Waffen erwirbt, müsste künftig viel stärker als heute auf Herz und Nieren geprüft werden, notfalls mit psychologischen Gutachten, aber man müsste mindestens alle vorhandenen Datenbanken (nicht nur im Wohnkanton) und relevanten Vorgänge abrufen können. Das bedeutet, dass sich eine zentrale kantonale Stelle darum kümmert, die die Möglichkeit hat, die Vorgänge in den verschiedenen Datenbanken, Polizeiregistern usw. überhaupt einmal zu erheben.

P.S. Müsste man neben der Waffe nicht auch die dazugehörige Munition vermehrt unter Kontrolle stellen?

Killias: Ja, wir haben uns stark auf die Rolle der Waffen selber kapriziert, das ist natürlich auch sinnvoll, anderseits muss man sehen, dass mit Waffen hundert Jahre lang geschossen werden kann, die Munition aber nach ein paar Jahren nicht mehr zu gebrauchen ist und abgesehen davon auch verbraucht wird, wenn sie übungshalber verschossen wird. Es wäre von daher eigentlich sinnvoller, auch noch zusätzlich eine Kontrolle der Munition aufzubauen, dabei schiesst uns da das Militär immer in die Beine, denn was würde eine grosse Munitionskontrolle nützen, wenn das Militär jedem Armeeangehörigen diese Büchse mit den 24 Schüssen nach Hause gibt? Das ist ein offener Widerspruch.

Dabei wäre die Kontrolle der Munition ein Kompromiss, der das Problem mit den Sturmgewehren zu Hause ein bisschen entschärfen könnte, weil hier keine wesentlichen Interessen von Schützenverbänden oder Schiessklubs tangiert würden. Militärisch macht die Abgabe von Waffen und Munition sowieso keinen Sinn mehr. Das Einziehen dieser Munition würde auch keine neue Bürokratie erfordern. Hingegen müsste man den Apparat der Zeughäuser aufblähen, würde man die Gewehre und die ganzen Waffenausrüstungen einziehen. Die allgemeine Abgabe von Taschenmunition geht übrigens erst auf das Jahr 1951 zurück, hat also keineswegs eine so lange Wehrtradition, wie man meinen würde.

P.S. Sie kritisieren ja nicht zum ersten Mal die Waffengesetzgebung, sind aber bis jetzt ein Warner in der Wüste geblieben. Konnten sie in den letzten Jahren eine veränderte Wahrnehmung bei Behörden und Polizei feststellen?

Killias: Für die Bündner Kantonspolizei z.B. war die letztjährige Erschiessung eines Mannes in Chur, der wild um sich gefeuert hatte, ein ziemlicher GAU. Erstens verletzte der Täter immerhin zwei Polizisten schwer, zudem wurde der Kommandant deswegen auch noch in einen schwierigen Prozess verwickelt. Hätte der ausgerastete Mann nicht so viel Munition bei sich zu Hause gehabt, wäre das niemals so eskaliert. Die Polizei ist heute in diesem Bereich sehr viel kritischer, sensibler geworden, seit dem Zuger Attentat hat sich das ziemlich geändert mit der Bagatellisierung von Gewaltdrohungen oder mit dem laxen Umgang mit Waffen. Was sich auch geändert hat, das kann ich unterstreichen, ist eine konstruktivere Einstellung der Schützenkreise und der so genannten Waffenlobby; man macht heute nicht mehr derart auf ‘no problem’, ein Unwohlsein ist zu spüren. Vor allem auch, weil sich solche ‘Einzelfälle’ früher oder später wiederholen werden. Ohne etwas herbeireden zu wollen, aber wenn solche Tabus wie in Erfurt einmal gebrochen worden sind, ein modus operandi erfunden und vorgeführt worden ist, dann wird das auch nachgeahmt.




Fertig lustig mit Gewaltdrohungen?

Zeichnet sich nach Zug und Erfurt ein verändertes öffentliches Verhalten gegenüber Gewaltandrohungen und Waffenbesitz ab? In Basel nahm die Polizei am 16. Mai 02 einen Maturanden fest, in Winterthur einen Tag später einen Schüler am Schulhaus Rychenberg, nachdem beide wilde Drohungen gegen Lehrer und Mitschüler ausgestossen hatten. Diese reagierten nach dem Erfurter Massaker offensichtlich nicht so cool, ebenso wenig wie die avisierte Polizei, die bei der folgenden Hausdurchsuchung in Basel ein Sturmgewehr (des Bruders des Verhafteten) und in Winterthur im Haushalt des 14-jährigen Schülers gar ein ganzes Arsenal von drei Schusswaffen samt Munition und einem Butterfly-Messer vorfand und beschlagnahmte.

Nach einigen Fällen schwerer Drohungen gegen trennungswillige Frauen und einer brutalen, vorher öffentlich angekündigten Ermordung einer Frau durch ihren Ex-Mann gelobten die Aargauer und Zürcher Polizei, solche Drohungen ‘im privaten Bereich’ künftig ernster zu nehmen. Auch bei verschiedenen Sozialämtern dürfte nach diversen Attacken gegen Angestellte auf Drohungen nicht mehr so leger wie bis anhin reagiert werden. Wird es langsam auch den Behörden mulmiger angesichts des wachsenden Gewaltpotenzials?

(pw)

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